(Un-)Fehlbarkeit
Vom "perfekten" Trainerhund, dem "perfekten" Kunden - und den eigenen Idealen

In letzter Zeit werde ich häufig mit der Frage konfrontiert: "Aber wenn Missy schon seit ihrem 6. Lebensmonat bei dir ist, warum ist sie dann so?"
Diese Frage kommt auf, wenn ich erzähle, dass meine Hündin sehr stressanfällig ist und häufig angst- und unsicherheitsbedingtes Verhalten zeigt. Zusätzlich zu ihrem Jagdtrieb. Dies äußert sich darin, dass sie bei lauter Umgebung unsicher wird und versucht, dieser Umgebung so schnell wie möglich zu entkommen. Zudem erschrickt sie panikartig bei knallenden Geräuschen und sieht sich schnell ihrer Ressourcen bedroht. Ich gehöre hierbei auch zu ihren Ressourcen und wenn mir ein Staubsauger, Postbote oder Hund zu nahe kommt, möchte sie mich verteidigen.
Viele Menschen, die sich darüber mit mir unterhalten, stellen sich dann die Frage, wie das denn sein kann, dass mein Hund so viele Baustellen hat, ist sie doch seit Jahren der Hund einer Hundetrainerin. Ein Hundetrainer muss doch wissen, wie er es schafft, Probleme zu lösen und einen "perfekten" Hund zu kreieren!?
Ist nicht der eigene Hund das wichtigste Aushängeschild eines Hundetrainers?
Eine wandelnde Leuchtreklame, die 24 Stunden am Tag offensichtlich beweist, dass die Arbeit mit diesem Experten Früchte tragen wird?
Ich möchte dazu folgendes zu denken geben:
Für jeden ist Perfektion etwas anderes. Jeder Mensch hat andere Vorstellungen von Hundehaltung und - ganz wichtig - jeder Hund bringt andere Voraussetzungen mit.
Genetisch bedingt (ein Hund, der den Hof bewachen soll, der darf nicht jeden Fremden gut finden) oder bedingt durch frühe Erfahrungen während der Jugendentwicklung, der Summe aller Lernerfahrungen in ihrem Leben und natürlich dem, was der Hund viele Male erfolgreich gemacht hat, haben Hunde einen vorgegebenen, nicht oder kaum beeinflussbaren Rahmen, innerhalb dessen sie sich verhalten und handeln können.
Ein Hund, der schon früh die Erfahrung gemacht hat, dass er durch Ressourcenverteidigung ein befriedigendes, notwendiges Maß an Kontrolle und Verständlichkeit erlangt, der wird diese Erfahrung niemals gänzlich aus dem Unbewussten löschen können, insbesondere dann nicht, wenn Ressourcen genetisch bedingt eine große Rolle für ihn spielen, wie es zum Beispiel bei Solitärjägern der Fall ist. Es kann lediglich situativ ein alternatives Verhalten so angemessen wie nur irgend möglich verstärkt werden, damit der Hund lernt, dass es sich in solchen Situationen eher lohnt, das alternative Verhalten zu zeigen.
Das Wort situativ ist hier von großer Bedeutung, denn jede Situation unterscheidet sich von der anderen. Häufig fallen uns Unterschiede gar nicht auf, der Hund hingegen befindet sich aufgrund veränderter Umstände in einer Position, in der es vielleicht wieder wesentlich schwieriger für ihn ist, alternatives Verhalten zu zeigen.
Aber nicht nur äußere, sondern auch innere Faktoren spielen eine Rolle. Frust, Stress, Langeweile, Hunger, Schmerz, Anspannung, oder auch situativ individuelle Bedürfnisse des Hundes, wie das Wahren seines Individualabstandes zu einem anderen Hund... das alles und noch viel mehr kann einen Hund in eine Lage versetzen, in der es schwieriger oder gar unmöglich für ihn ist, alternatives Verhalten zu zeigen – ganz gleich, wie gut es unter anderen Bedingungen gefestigt wurde.
Und diese Möglichkeiten nehme ich in Kauf. Wenn ich positiv und fair mit meinem Hund leben und arbeiten möchte und mich dies als Experte auszeichnen soll, dann muss ich in Kauf nehmen, dass mein Hund keine parierende Maschine ist, sondern ein empfindendes, erlebendes, reagierendes Wesen.

Der Umgang mit Dynamik ist es, der in meinen Augen Aufschluss darüber gibt, ob ein Trainer kompetent ist, oder nicht. Wie war der Hund früher und wie ist er jetzt? Was hat der Trainer schon geschafft? Wo liegen die Grenzen dieses Hundes?
Welche Werkzeuge hat der Trainer, um mit seinem Hund auch in "ungünstigen" Situationen zu kommunizieren? Werkzeuge, die vermuten lassen, dass er sich der unperfekten Verhaltensweisen seines Hundes schämt? Die demonstrieren, wie sehr es seinem eigenen Ego schadet, dass etwas nicht so läuft, wie gewollt?
Oder Werkzeuge, die als Kommunikationsangebote fungieren? Die dazu dienen, herauszufinden, wie man dem Hund helfen kann, wieder empfangsbereit zu sein?
Werkzeuge, die dem Hund helfen. Hilfe.
Diese Einstellung zur Annahme und die Entscheidung zur Hilfe sind es, die meine Arbeit mit Hund und Mensch bestimmen. Oder bestimmen sollen, muss man korrekterweise sagen. Warum ich nun plötzlich auch den Mensch erwähne?
Warum sollte ich einen Unterschied zwischen Mensch und Hund machen? Bin ich nicht in erster Linie Menschentrainer? Ist es nicht meine Aufgabe, Menschen zu zeigen, wie sie mit ihrem Hund interagieren können?
Es ist nur konsequent, wenn man nicht nur versucht, den Hund und seine Verhaltensweisen zu verstehen, sondern sich auch darum bemüht, die genetisch bedingten oder aufgrund persönlicher Erfahrung entstandenen Handlungs- und Verständnisrahmen des Menschen am anderen Ende der Leine zu erkennen.
Ich habe meine ganz persönliche Philosophie in Sachen Hundehaltung und Hundeerziehung. Wer hat die nicht? Und es ist natürlich mein Ziel, meine Werte und Grundsätze an diejenigen weiterzugeben, die mit mir zusammen arbeiten.
Zudem bedeuten meine Wertvorstellungen auch, dass ich bestimmtes Verhalten, zum Beispiel unangemessene Strafe, physische und psychische Gewaltanwendung, lauter Kasernenhofton, etc. nicht dulden kann, wenn mit mir zusammen gearbeitet wird.
Doch manchmal muss man sich von seinen hohen Werten und Idealvorstellungen etwas lösen, um einen Zugang zu Menschen zu finden, denen man helfen möchte. Das bedeutet nicht, dass ich unerwünschtes Verhalten akzeptiere. Aber es bedeutet, dass ich mir mit dem Verändern des Verhaltens Zeit lasse und versuche, so angemessen, so individuell, wie möglich zu arbeiten, anstatt mich der Illusion hinzugeben, dass man Einstellungen und automatisierte Verhaltensweisen innerhalb eines Gesprächs zu meinen Vorstellungen verändern kann.
Vielleicht sind es nicht der perfekt gehorchende Hund oder die perfekt "erzogene" Kundschaft, die darüber Aufschluss geben, ob ein Hundetrainer kompetent ist oder nicht.
Vielleicht ist es seine Fähigkeit, sich auf Situationen einstellen zu können, um seine Ziele und Vorstellungen zu erreichen. Seine Fähigkeit, auch einmal Kompromisse einzugehen, sich von seinem Ego zu lösen um einen individuellen Zugang zu Mensch und Hund zu finden. Gewaltfreies Arbeiten sollte sich nicht nur auf den Hund beschränken.
Wege zu finden, seine Ideen und Vorstellungen nicht mit Gewalt beim Menschen durchzusetzen, macht am Ende einen wirklich gewaltfrei arbeitenden und somit kompetenten Trainer aus.
Zur Person
Denise Lichtenstein, www.dailydogs.de
Hundetrainerin und Inhaberin der mobilen Hundeschule Daily Dogs in Kiel ist Mitglied der Pet Professional Guild und arbeitet absolut gewaltfrei und auf Basis Positiver Verstärkung. Sowohl Basiserziehung von Welpenbeinen an, als auch der Umgang mit Probleme verursachendem Verhalten und sinnvolle Beschäftigung werden stets in den individuellen Alltag integriert. Ihr besonderes Interesse liegt bei dem Training mit jagdlich motivierten, impulsiven, ängstlichen und aggressiven Hunden. Sie bildet sich laufend weiter und tauscht sich regelmäßig aus, dank weltweitem Trainernetzwerk.