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                              • Ein Hund ist ein Hund - und ein Individuum, Denise Lichtenstein

                              Ein Hund ist ein Hund -

                              und ein Individuum

                              Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich in einer Partnerschaft, wachten morgens glücklich und frohen Mutes auf, schauten Ihrem Liebsten verliebt in die verschlafenen Augen und Ihr Angebeteter würde den Tag mit dem Satz beginnen: "Also meine Ex hat mir morgens immer als erstes einen frischen Kaffee ans Bett gebracht."

                              Wie fühlt es sich an, mit einer Ihnen völlig fremden Person verglichen zu werden, die Sie weder kennen, noch kennen wollen?
                              Einer Person, die nicht nur ganz anders aussieht als Sie, deren Augen eine andere Form und vielleicht sogar eine andere Farbe aufweisen, die größer ist als Sie, einen anderen Kleidungsstil bevorzugt und eine gänzlich andere Frisur trägt, deren Stimme zudem ganz anders klingt, deren Geschichten, die sie erzählt, nicht die Ihren sind, die in ganz anderen Momenten lachen würde, als Sie es tun würden und deren Talente sich in ganz anderen Bereichen angesiedelt haben? Wie fühlt es sich an, mit einer Person verglichen zu werden, die von ihren Genen bis zu ihren Erfahrungen ein vollkommen anderer Mensch ist, als Sie es sind und jemals sein werden?

                              Nun stellen Sie sich vor, Sie wären ein kleiner Terrier, der bereits viel zu früh Abschied von seiner Mutter nehmen musste, daraufhin in eine Familie kam, in der er wenig körperliche Zuneigung erfuhr und sich gegen andere Hunde behaupten musste, wenn er Futter oder einen weichen Schlafplatz haben wollte.
                              Sie kommen aus glücklichen Umständen in ein neues Zuhause, in dem Sie der einzige Hund sind und lauter weiche Schlafplätze zur freien Verfügung haben. Ein Zuhause, in dem Sie mit einem Menschen zusammen leben, der Ihnen wohlgesonnen ist, der Sie häufig streichelt und der Ihnen ausreichend Futter zur Verfügung stellt.
                              Sie, der kleine Terrier, fühlen sich eigentlich richtig wohl und es ist Ihnen sehr wichtig, dass Sie in der Nähe dieses sehr wichtigen Menschen bleiben. Jedesmal, wenn Ihre Bezugsperson den Raum verlässt, bemerken Sie es aufgrund Ihrer hervorragenden Ohren sofort, selbst wenn Sie schlafen. Sie können ohne Verzögerung Ihrer Bezugsperson hinterher laufen und sie im Blick behalten - nur für den Fall...
                              Und nachdem Sie diese Aufgabe im Laufe einiger Tage perfektioniert haben, geht diese Person ohne Sie aus der Wohnungstür, schließt sie hinter sich, verlässt das Haus und ist fort. Und bleibt fort. Für sehr, sehr lange Zeit.

                              Mit Nichtigkeiten, die ein anderer Mensch getan hat, die Sie aber theoretisch auch tun könnten, verglichen zu werden, ist nicht angenehm. Wenn aber der Partner Fähigkeiten erwartet, die Sie nicht nur nicht besitzen, sondern aufgrund Ihrer genetischen Voraussetzungen und Ihrer ganz persönlichen Erfahrungen, die Sie im Leben gemacht haben, gar nicht besitzen KÖNNEN, dann wird es wirklich unangenehm.

                              Warum erzähle ich Ihnen das alles? Weil ich täglich mit den Erwartungen von Hundehaltern konfrontiert werde, die häufig nicht nur "unrealistisch" sind und daher Frustration beim Hundehalter auslösen. Auch führen diese Erwartungen dazu, dass Halter sich unfair ihrem Hund gegenüber verhalten.

                              Das Problem betrifft uns alle. Wir gehen täglich spazieren und sehen zig Hunde, bei denen uns in der Regel nur Verhaltensweisen auffallen, die wir "wünschenswert" oder "nicht wünschenswert" finden. Wir kennen die Hunde und ihre Halter nicht persönlich, wir sehen nur das Verhalten in ganz bestimmten Situationen. Und wenn uns bestimmtes Verhalten in bestimmten Situationen gefällt, dann wünschen wir uns, dass unser Hund sich einmal genau so verhält. Zudem ist durch das Fernsehen vielleicht schon von Kindesbeinen an ein bestimmtes Wunschbild erschaffen worden, das unsere Urteilsfähigkeit beeinflusst.

                              Kommt aber diesem Umstand, dem wir alle ausgesetzt sind, noch ein Vorgänger hinzu, ein Hund, der uns bereits ein Hundeleben lang begleitet hat, dessen letzten Jahre das Resultat langjähriger Erziehung, Anpassung und Routine waren, dann wird es noch schwieriger für uns, denn zu den "üblichen" Erwartungen an einen Hund kommen noch die Erwartungen hinzu, die sich aufgrund des Lebens mit einem anderen Hund ergeben haben.

                              Unser Hund weiß ja aber gar nicht, dass wir diese ganzen Erwartungen ihm gegenüber haben. Das stimmt. Er weiß es nicht. Wir wachen nicht auf und werfen unserem Hund auf für ihn verständliche Weise an den Kopf, dass der Hund einer Gassibekanntschaft "Bescheid sagt", wenn er sich erleichtern muss. "Und überhaupt konnte Dein Vorgänger schon von Klein an mehrere Stunden allein bleiben, OHNE alles auf den Kopf zu stellen und das ganze Haus zusammen zu bellen!"

                              Wenn wir unseren Hunden also gar keine Vorwürfe machen können, die er versteht, warum ist es dann überhaupt erwähnenswert? Weil wir uns durch solche falschen Erwartungen selbst ein Bein stellen. Erwartungen beeinflussen nämlich unser Handeln. Weil Waldi entspannt allein bleiben kann, lassen wir Terrier Bello vielleicht auch "einfach mal alleine". Weil Waldi entspannt an der Leine läuft, finden wir, dass Terrier Bello das gefälligst auch zu können hat. Kann ja so schwer nicht sein. Dann will er wohl nicht.

                              "Nun lauf gefälligst ordentlich!"
                              Wir zuppeln an der Leine.
                              "Herrgott noch eins, lass das Ziehen endlich bleiben!"
                              Wir stampfen ein paar mal energisch mit dem Fuß auf.
                              "BELLO NEIN!"
                              Wir rucken einmal kräftig den Hund an der Leine zurück.

                              Was lernt Terrier Bello hier? Im besten Fall nur, dass die Leine unangenehm oder gar gefährlich ist. Höchstwahrscheinlich, dass Frauchen gefährlich wird, wenn die Leine ins Spiel kommt. Oftmals leider sogar, dass Frauchen gefährlich wird, wenn andere Hunde ins Spiel kommen und er sich noch an der Leine befindet.
                              Was lernt Bello hier nicht? Sich unseren Erwartungen entsprechend zu verhalten.
                              Warum nicht? Weil unsere Erwartungen die falschen sind. Wir erwarten, dass unser Hund sich so benimmt, wie ein gut erzogener Hund sich zu benehmen hat. Das können wir unserem Hund aber so nicht vermitteln. Was wäre eine sinnvollere Erwartungshaltung? Sinnvoller wäre es doch, uns zum Ziel zu setzen, dass unser Hund erst einmal verstehen lernt, welches Verhalten wir eigentlich wollen, anstatt einfach nur zu fordern, dass wir bestimmtes Verhalten nicht wollen. Wie können wir unserem Hund vermitteln, dass wir ein bestimmtes Verhalten von ihm erwarten?
                              Indem wir erst einmal überlegen, zu welchem Verhalten dieser spezielle, individuelle Hund eigentlich in der aktuellen Situation fähig ist. Um ganz sicher zu sein, könnten wir uns an Verhaltensweisen orientieren, die unser Hund von ganz alleine zeigt.
                              Logisch. Wir könnten uns Stück für Stück zu dem erwünschten Verhalten hinbewegen, indem wir über die Lernform "freies Formen" häppchenweise Teile eines Verhaltens verstärken, die uns der Hund von sich aus anbietet.
                              Hier hätten wir die Garantie, dass unser Hund versteht, dass sich ein anderes Verhalten für ihn lohnt – und zack, haben wir ihm unsere Erwartungen auf für IHN verständliche Weise vermittelt. Dazu müssen wir aber unsere Erwartungen verändern.

                              Weg von "Ich wünschte, Bello würde so gut an der Leine laufen, wie Waldi.", hin zu "Ich möchte meinem Hund verständlich machen, welches Verhalten ich konkret von ihm erwarte."
                              Doch selbst, wenn wir diesen nicht zu unterschätzenden Schritt geschafft haben, holen uns unsere falschen Erwartungen oftmals noch ein. Auch unsere Wahrnehmung wird von unseren Erwartungen beeinflusst. Klingt seltsam, ist aber so. Was wir denken, ist die Realität. Und wenn wir die Erwartung im Kopf haben, dass unser Terrier Bello in jeder Lebenslage brav und gelassen an der Leine gehen soll, genau so, wie der 13 jährige Golden Retriever Waldi, dann sehen wir den Wald, aber wir sehen die Bäume nicht, die den Wald erst zu einem Wald machen.
                              Möglicherweise erkennen wir nicht nur die Grenzen unseres ganz individuellen, speziellen Hundes nicht, sondern wir erkennen auch Fortschritte nicht als Fortschritte an, weil wir sie nicht SEHEN oder sie als selbstverständlich hinnehmen.

                              Ein gutes Beispiel zur Illustration der Problematik, Fortschritte als selbstverständlich hinzunehmen, ist der so genannte "Blackout". Jeder von uns kennt es, ob bei der Aufführung im Schultheater, bei Prüfungen oder in Bewerbungsgesprächen. Situationen, die für Stress sorgen, beeinflussen unsere Fähigkeit, Gelerntes wiederzugeben oder gar anzuwenden. Das geht Hunden genau so. Veränderte Situationen können dazu führen, dass ein Hund gelerntes Verhalten nicht mehr angemessen oder gar nicht mehr zeigen KANN.

                              Nur weil ein Hund vielleicht entspannt Zuhause allein bleiben kann, heißt das nicht automatisch, dass er auch angebunden vor einem Geschäft entspannt allein bleiben kann. Die Gesellschaft, in der wir leben, zwingt uns tagtäglich, uns mit Menschen zu vergleichen, die wir nicht sind und nicht sein können. Wir versuchen Erwartungen von völlig Fremden oder aus den intimsten Reihen so gut es irgendwie geht gerecht zu werden. Für uns ist es weitgehend normal, zu versuchen, jemand anderes zu sein.

                              Unsere Hunde können sich nicht dazu entscheiden, jemand anderes zu sein. Unsere Hunde sind so, wie sie sind. Wir können nur versuchen, das, was unsere Hunde von sich aus mitbringen, so optimal wie möglich auszunutzen und innerhalb dieser hochgradig individuellen Rahmen zu einem harmonischen, auf Annahme und Liebe beruhenden Zusammenleben zu gelangen.
                              Und soll ich Ihnen etwas verraten? Ein auf Annahme beruhendes Zusammenleben ist eine ganz wunderbare Abwechslung zu dem Druck, sich ständig mit anderen vergleichen zu müssen, den wir inzwischen viel zu oft als selbstverständlich hinnehmen müssen!

                              Zur Person

                              Denise Lichtenstein, www.dailydogs.de

                              Hundetrainerin und Inhaberin der mobilen Hundeschule Daily Dogs in Kiel ist Mitglied der Pet Professional Guild und arbeitet absolut gewaltfrei und auf Basis Positiver Verstärkung. Sowohl Basiserziehung von Welpenbeinen an, als auch der Umgang mit Probleme verursachendem Verhalten und sinnvolle Beschäftigung werden stets in den individuellen Alltag integriert. Ihr besonderes Interesse liegt bei dem  Training mit jagdlich motivierten, impulsiven, ängstlichen und aggressiven Hunden. Sie bildet sich laufend weiter und tauscht sich regelmäßig aus, dank weltweitem Trainernetzwerk.

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