Crossover: 3. Teil
Von Futterverstärkung -
und "Leckerchen-Junkies"
Der schwierigste Schritt für mich vom Dominanztraining weg, hin zur positiven Verstärkung, war der Umgang mit Futterlob. Der vormalige Stolz und Eigenanspruch, Leckerchen als Belohnung für "gutes" Verhalten bei Nutztieren bisher nicht gebraucht zu haben, lag als Hindernis vor mir, das es zu überwinden galt.
Bei mir kamen auch schlechte Erfahrung mit "verdorbenen" = "respektlosen" Tieren, die ich "Leckerchen-Junkies" nenne. Diese Tiere sind so sehr auf das Futter fixiert, dass sie es unbedingt haben möchten (Futterneid) und dabei "nerviges" Betteln wie auch gefährliche Aggression im Spiel zeigen. Das ist kein Spaß bei diesem Körpergewicht von Nutztieren!
So auch im Reitstall, in dem mir ein Warmblut einmal seinen Kopf ins Gesicht schlug, weil es mein Taschentuch mit einem erwarteten Leckerlie verwechselte oder bei einem Schafbock, der meinen Sohn von hinten umrammte, weil er es "gewohnt" war, dass er von Besuchern trockenes Brot und das "Bitteschön als erster!" bekommt.
Jeder hat seine Erfahrungen und seine Art mit Tieren umzugehen. Eingebrannte Denkweisen zu ändern erfordert Mut! Viele wollten nicht zu der Kategorie der "Tier-Verderber" gehören, die ein Tier unkontrolliert mit Leckerlie "vollstopfen" und für daraus resultierendes, gefährliches Fehlverhalten verantwortlich sind.
Und leider - das ist die Verlockung - zeigt natürlich ein (Flucht)Tier auf Druck und Drohgebärden sofort ein verändertes Verhalten, was dem Menschen suggeriert: "Das sei die Sprache der Tiere und der effizienteste Weg". Aber ob das Tier dauerhaft sein Verhalten ändert, ist eine ganz andere Frage.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, das eine positive (Futter-)Verstärkung für manche Tiere eine Notwendigkeit für Motivation und Lernsysteme im Gehirn ist. Und das eine gezielte positive Verstärkung kein "Erkaufen/Bestechen" ist, sondern, ein gezieltes Verstärken wenn das Tier etwas gelernt, also richtig gemacht hat!
Dieser Wallach war jahrelang im Roundpen nicht zum Galopp zu bewegen, weil für ihn Laufen nicht "selbstbelohnend" ist, wie für die meisten Pferde. Dank Johanna bedurfte es nur drei Trainingseinheiten á einer Karotte in 40 Stückchen geschnitten, ihm das "Galopp" zu zeigen und ihn nicht fort zu treiben.
Fazit:
- Wenn man nur auf Strafe = Meidemotivation setzt, dann lernt ein Tier den Menschen zu "meiden". Ist man wirklich bereit, diesen Preis in der Beziehung zu bezahlen?"
- Wo das Hirn aufhört - fängt die Hand an zu strafen und zu schlagen!". Es ist leichter ein Tier zu strafen und ihm die "Schuld" an einem Fehlverhalten zuzuschieben, als sich als Ausbilder über andere Trainingsmöglichkeiten Gedanken zu machen.
- Zur positiven Verstärkung braucht es Grundlagen, nämlich Wissen, Geduld, Einfühlungsvermögen und Reflektionsfähigkeiten.
Viel Spaß und Erfolg auf Ihrem Weg als Crossover-Trainer, einem entspannten Lernen von und mit Tieren wünscht Ihnen Jessie, die immer noch auf dem Weg des Umdenkens ist.
Zur Person
Jessie Becker
Jessie stammt aus der Landwirtschaft und arbeitet zusammen mit ihrem Mann Jochen auf ihrem Hof mit Tieren. In ihrer mobilen Tierarztpraxis hat sie viel zu tun mit unterschiedlichen Menschen und Tieren. Jessie hat einen 6jährigen Sohn lebt seit ihrer Kindheit mit Haustieren, Hunden und Pferden.
Weitere Beiträge von Jessie
Lesenswerte Artikel unserer Gastautoren:
- Anja Kiefer:
Herz und Technik - Tierfotografie - Boris Boochs:
Mach' schön Bleib... - Dr. Ute Blaschke-Berthold:
Motivation, Bedürfnisse und Verstärker - Dr. Ute Blaschke-Berthold:
Konditionierte Entspannung - Dr. Ute Blaschke-Berthold:
Rasseportrait Rhodesian Ridgeback - Conny Fielbrandt:
Warum Schmerzen Verhalten beeinflusst - Daniela Gassmann:
Alte Hunde - Daniela Gassmann:
Tiere, Tod und Trauer - Eva Zaugg:
Zeigen & Benennen – Kommunikation mit dem Hund - Gerd Schreiber:
Hunde vermenschlichen?! - Ines Scheuer:
Beschäfgigung –
die richtige Balance - Ines Scheuer:
Wandern mit Hund - Jessie Becker:
Dominanztraining - Der Wunsch nach Respekt - Kirsten Demski:
Nasentier Hund - Auf die Plätze, fertig, Schnüffeln! - Manuela Zaitz:
Der kriegt den Hasen doch eh nicht! - Sonja Meiburg:
Der richtige Click-Zeitpunkt - Sonja Meiburg:
Futter ist nicht genug - Tanja Bischof:
Team sein! - Tanja Bischof:
Hundebegegnungen beim Spaziergang - Tina Müller:
Darf man Hunde scheren?