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                              • Jessie Becker: Die Geister im Gedächtnis

                              Crossover: 2. Teil

                              Die Geister im Gedächtnis -

                              der Wunsch

                              nach Kontrolle

                              Die Evolution hat es so angelegt, dass negative Erfahrungen, seien es nun psychologische oder physiologische Verletzungen, lebenslang nicht vergessen werden. Sie sind wuppdich wieder präsent, wenn man in ähnliche Situationen gerät. Diese Erfahrungen, auch wenn sie selbst nicht mehr präsent sind, sitzen mir sinnbildlich wie unsichtbare Geister auf den Schultern und flüstern mir leider immer wieder ungefragt Ratschläge zu, wie ich mich verhalten könnte, sollte und müsste.

                              Die Missverständnisse, Zuschauereinflüsse und Ratschläge aus der Dominanztheorie können folgenschwer sein, wenn Menschen mit großen Tieren zu tun haben. Auch wenn es für mich in der Hundeausbildung selbstverständlich ist, mit Leckerchen und Belohnung das gewünschte Trainingsziel zu erreichen,  so verließ ich mich beim Pferd lieber auf Gerte & Co. Denn in Notsituationen flüsterte mir mein emotionales Gedächtnis, mein "Überlebensinstinkt", zu: "Halte Pferde auf Abstand! Angriff ist die beste Verteidigung! Das Tier muss aus Respekt zu Dir ausweichen!" So gut mir Anerkennung für das Wohlverhalten der eigenen Tiere mit den Worten "Der ist aber gut erzogen!" tat, so dünn war meine Haut aber auch, wenn ich mein Tier vor Publikum, Bekannten, Trainern und der eigenen Familie "nicht im Griff hatte"! Der Ratschlag lautete oft: "Dein Tier hat wohl keinen Respekt vor Dir? Gib  ihm mit der Gerte eine und setze Dich durch!" Er wird zum Echo und Geist im eigenen Kopf und flüstert besonders dann, wenn man sich für das eigene Tier "fremdschämte", weil es natürlich just in den unmöglichsten Augenblicken bockte, verweigerte und durchging. Die Blicke und die Kritik "fühlt" ich spürbar, weil unser Gehirn mit sogenannten Spiegelneuronen ausgestattet ist, die es uns erlauben nonverbal zu kommunzieren.

                              Mir passiert es oft, dass ich diesen Druck empfinde, wenn ich weiß, dass ich Zuschauer beim Reiten habe. Die Erwartungshaltung der Beobachter spüre ich als Druck, welcher meist in Stress ausartet und ich deshalb eine Vorführung "besonders richtig" machen will. Hierbei bin ich leicht versucht, mein geliebtes Tier besonders streng - und unfair - zu behandeln.
                              Viele Autoren und Trainer vermischen in der Reiterei den "Gehorsam" mit "Dominanz" und "Rangordnung". Es ist stets ein hierarchisches Handeln, denn die ursprüngliche Reitlehre war eine Notwendigkeit der soldatischen Kavallerie. Noch heute  hört man den Tonfall und die Worte des Militärs "in Abteilung reiten", "Aufstellung nehmen" und "Gehorsam" in den Reithallen.

                              Leider sind es die ersten Erinnerungen und Vorbilder, die uns am "dominantesten" im Gedächtnis bleiben. Es ist nicht einfach zuzugeben, dass es mehr und bessere Möglichkeiten im Tierumgang gibt!
                              Wenn man unter Druck und Stress gerät, fällt Analysieren schwer! Ob man gut mit dem Tier kooperiert, zeigt einem nämlich das Tier selbst, nicht der Zuschauer. Beobachten Sie doch einmal genau, welches Verhalten Sie verstärken. Lernen Sie an eigenen Fehlern, und verzweifeln Sie dabei nicht. Gelernte Erfahrungen kann man nicht löschen, aber man kann  neue, bessere Erfahrungen darüber legen und zukünftig tierfreundlicher und fair mit dem geliebten Tier umgehen!
                              Viel Spaß und Erfolg auf Ihrem Weg als Crossover-Trainer, einem entspannten Lernen von und mit Tieren wünscht Ihnen Jessie, die immer noch auf dem Weg des Umdenkens ist.


                              Zur Person

                              Jessie Becker

                              Jessie stammt aus der Landwirtschaft und arbeitet zusammen mit ihrem Mann Jochen auf ihrem Hof mit Tieren. In ihrer mobilen Tierarztpraxis hat sie viel zu tun mit unterschiedlichen Menschen und Tieren. Jessie hat einen 6jährigen Sohn lebt seit ihrer Kindheit mit Haustieren, Hunden und Pferden.

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